Dienstag, 08.09.2026

bbJETZT: Der Speckgürtel wächst, aber was passiert dahinter?

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Aktuelle Nachrichten aus Brandenburg und Berlin

In unserer Rubrik bbJETZT kommentiert die Redaktion des Brandenburger Boten die Themen, die Brandenburg bewegen.

Brandenburg wächst. Zumindest dort, wo Berlin nah genug ist.

In Städten und Gemeinden rund um die Hauptstadt entstehen neue Wohngebiete, Schulen werden erweitert, Straßen voller, Grundstücke teurer. Orte wie Falkensee, Bernau bei Berlin, Oranienburg, Teltow, Kleinmachnow oder Königs Wusterhausen stehen seit Jahren für ein Brandenburg, das von der Nähe zu Berlin profitiert.

Das ist zunächst eine gute Entwicklung.

Menschen ziehen nach Brandenburg, Unternehmen finden neue Standorte, Kommunen gewinnen Einwohner und vielerorts entsteht eine Dynamik, von der man vor einigen Jahrzehnten nur hätte träumen können.

Doch Brandenburg besteht nicht nur aus dem Berliner Umland.

Und genau hier beginnt das Problem.

Wer vom Wachstum Brandenburgs spricht, darf nicht so tun, als würde dieses Wachstum automatisch das gesamte Land erfassen. Zwischen einer Kommune wenige Kilometer hinter der Berliner Stadtgrenze und einer Stadt in der Prignitz, der Uckermark oder der Lausitz können wirtschaftlich und demografisch völlig unterschiedliche Realitäten liegen.

Das ist eine der wichtigsten Fragen, mit denen sich Brandenburg in den kommenden Jahren beschäftigen muss.

Was passiert eigentlich hinter dem Speckgürtel?

Wachstum hat eine geografische Grenze

Die Nähe zu Berlin ist ein mächtiger Standortvorteil.

Wer in Falkensee wohnt, kann in Berlin arbeiten. Wer nach Bernau oder Oranienburg zieht, verbindet häufig die Nähe zur Hauptstadt mit mehr Platz und einem anderen Wohnumfeld. Auch Städte südlich und östlich Berlins profitieren von dieser Entwicklung.

Doch je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt, desto weniger selbstverständlich funktioniert dieses Modell.

Prenzlau, Perleberg, Wittstock/Dosse, Finsterwalde, Forst, Schwedt oder Eisenhüttenstadt können ihre Zukunft nicht darauf aufbauen, irgendwann Teil eines immer größer werdenden Berliner Vorstadtgürtels zu werden.

Sie brauchen eigene Perspektiven.

Genau darüber wird aus Sicht von bbJETZT noch zu wenig gesprochen.

Denn eine Strategie, die vor allem darauf setzt, dass Berlin weiter wächst und Brandenburg davon schon irgendwie profitieren wird, reicht für ein Flächenland nicht aus.

Brandenburg darf nicht in zwei Geschwindigkeiten zerfallen

Natürlich wird es immer Regionen geben, die stärker wachsen als andere.

Problematisch wird es, wenn daraus zwei unterschiedliche Brandenburgs entstehen.

Auf der einen Seite Kommunen, die über neue Wohngebiete, zusätzliche Schulen, Kitas, Verkehr und steigende Grundstückspreise diskutieren.

Auf der anderen Seite Orte, die darüber nachdenken müssen, wie sie Ärzte halten, Geschäfte in der Innenstadt erhalten, junge Menschen zum Bleiben bewegen und Busverbindungen sichern können.

Beides sind reale Probleme.

Aber sie brauchen völlig unterschiedliche politische Antworten.

Ein wachsendes Königs Wusterhausen steht vor anderen Herausforderungen als eine kleinere Stadt in der Prignitz. Bernau braucht andere Lösungen als Finsterwalde. Das Berliner Umland braucht Infrastruktur für Wachstum. Andere Regionen brauchen Infrastruktur, damit Entwicklung überhaupt möglich bleibt.

Politik darf deshalb nicht den Fehler machen, Brandenburg als einheitlichen Raum zu behandeln.

Gute Bahnverbindungen können Entfernungen verändern

Dabei ist die Entfernung zu Berlin nicht nur eine Frage von Kilometern.

Sie ist vor allem eine Frage von Zeit.

Eine Stadt, die zuverlässig und schnell mit größeren Zentren verbunden ist, kann trotz größerer Entfernung attraktiv sein. Eine Gemeinde ohne gute Bahnverbindung kann sich dagegen schon wenige Dutzend Kilometer von Berlin entfernt plötzlich sehr weit weg anfühlen.

Deshalb ist Verkehrspolitik auch Regionalpolitik.

Wenn Brandenburg möchte, dass Entwicklung stärker in die Fläche getragen wird, müssen Städte außerhalb des unmittelbaren Berliner Umlands besser miteinander und mit größeren Zentren verbunden werden.

Dabei darf es nicht ausschließlich um Verbindungen nach Berlin gehen.

Auch Achsen zwischen Cottbus und der Lausitz, zwischen Neuruppin und der Prignitz, zwischen Eberswalde und der Uckermark oder entlang der Oder sind wichtig.

Brandenburg braucht nicht nur Radien zur Hauptstadt.

Es braucht ein funktionierendes Netz innerhalb des eigenen Landes.

Arbeitsplätze müssen dort entstehen, wo Menschen leben sollen

Eine weitere Voraussetzung ist Arbeit.

Nicht jeder kann und will täglich nach Berlin pendeln.

Wenn kleinere Städte und ländlichere Regionen langfristig attraktiv bleiben sollen, müssen dort wirtschaftliche Perspektiven vorhanden sein.

Das bedeutet nicht, überall große Industrieansiedlungen zu erwarten.

Oft sind es mittelständische Unternehmen, Handwerksbetriebe, Gesundheitsangebote, Verwaltungen, Tourismusbetriebe und kleinere Arbeitgeber, die eine Region dauerhaft stabilisieren.

Gerade deshalb sollte Brandenburg stärker darauf achten, wirtschaftliche Entwicklung nicht ausschließlich entlang weniger großer Standorte zu betrachten.

Eine neue Fabrik sorgt für Schlagzeilen.

Zehn wachsende Mittelständler in verschiedenen Städten möglicherweise nicht.

Für die regionale Stabilität können sie aber mindestens genauso wichtig sein.

Kleine Städte brauchen Funktionen

Entscheidend sind außerdem starke kleinere und mittlere Städte.

Ein Ort wie Neuruppin, Eberswalde, Luckenwalde, Lübben oder Prenzlau ist nicht nur für seine eigenen Einwohner wichtig. Solche Städte übernehmen Funktionen für ihr gesamtes Umfeld.

Dort gibt es Schulen, Ärzte, Geschäfte, Behörden, Kultur, Gastronomie und Arbeitsplätze.

Wenn diese Städte stark sind, profitiert auch das Umland.

Deshalb sollte Brandenburg seine Mittelzentren nicht lediglich verwalten, sondern gezielt stärken.

Innenstädte, Bahnhöfe, Krankenhäuser, Bildungsangebote und öffentliche Einrichtungen sind dabei keine Nebensachen. Sie entscheiden darüber, ob ein Ort als regionales Zentrum funktioniert.

Wachstum allein ist noch keine Erfolgsgeschichte

Auch im Speckgürtel selbst ist übrigens längst nicht alles problemlos.

Schnelles Wachstum erzeugt neue Herausforderungen.

Mehr Einwohner bedeuten mehr Verkehr. Neue Wohngebiete brauchen Schulen und Kitas. Gemeinden müssen Straßen, Verwaltung, Feuerwehr und soziale Infrastruktur mitentwickeln.

Wer Wachstum nicht steuert, kann sehr schnell feststellen, dass aus einem Standortvorteil neue Belastungen entstehen.

Brandenburg braucht deshalb zweierlei gleichzeitig.

Es muss das Wachstum rund um Berlin vernünftig gestalten und dafür sorgen, dass die Regionen dahinter nicht den Anschluss verlieren.

Das eine darf nicht gegen das andere ausgespielt werden.

Brandenburg braucht mehrere starke Zentren

Vielleicht sollten wir uns ohnehin von der Vorstellung verabschieden, dass Brandenburg nur über die Beziehung zu Berlin funktionieren kann.

Natürlich bleibt die Hauptstadt der wichtigste wirtschaftliche und gesellschaftliche Bezugspunkt für große Teile des Landes.

Aber Brandenburg braucht daneben eigene starke Zentren.

Potsdam ist eines davon. Cottbus muss eines sein. Auch Brandenburg an der Havel, Frankfurt an der Oder, Eberswalde oder Neuruppin können für ihre Regionen noch stärker diese Rolle übernehmen.

Ein Flächenland funktioniert dann gut, wenn Menschen nicht für jede wichtige Dienstleistung, jeden guten Arbeitsplatz oder jedes kulturelle Angebot zuerst Richtung Hauptstadt fahren müssen.

Genau darin liegt die langfristige Aufgabe.

Brandenburg sollte nicht versuchen, den Berliner Speckgürtel immer weiter auszudehnen.

Es sollte dafür sorgen, dass auch jenseits davon Orte entstehen und erhalten bleiben, in denen Menschen gerne wohnen, arbeiten und ihre Zukunft planen.

Der Erfolg Brandenburgs darf nicht daran gemessen werden, wie weit Berlin inzwischen ins Umland ausstrahlt.

Er sollte daran gemessen werden, wie viele Regionen aus eigener Kraft attraktiv bleiben.

Denn wenn Brandenburg nur dort wächst, wo Berlin in Reichweite ist, dann wächst nicht Brandenburg.

Dann wächst vor allem Berlin über seine Grenzen hinaus.

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